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Zusatzlogo: Gezeichnetes Kind springt auf farbigen rechteckigen Blöcken.

Für mehr Chancengleichheit am Arbeitsmarkt

Welchen Beitrag Kooperationen mit Unternehmen leisten

Foto: BA/LokeUte Freimark

Ute Freimark ist Leiterin der Stabsstelle Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit in der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt informieren und beraten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unternehmen – zum Beispiel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Interview schildert Frau Freimark, welchen Beitrag erweiterte Betreuungszeiten in diesem Zusammenhang leisten. Außerdem erklärt sie, wer aus ihrer Sicht von Kooperationen zwischen Unternehmen und Kindertageseinrichtungen, Horten und Tagespflegepersonen, die bedarfsorientierte Betreuungszeiten anbieten, profitiert.

Warum sind erweiterte Öffnungszeiten aus Ihrer Sicht wichtig? Wie schätzen Sie den Bedarf an erweiterten Öffnungszeiten für Familien mit kleinen Kindern ein?

Erweiterte und vor allem bedarfsgerechte Öffnungszeiten von Betreuungsangeboten gewinnen an Bedeutung. Das hat mit dem demografischen Wandel, der Globalisierung der Märkte und der fortschreitenden Digitalisierung sowie „Arbeiten 4.0“ zu tun. Diese Entwicklungen erfordern in vielen Branchen eine steigende Flexibilität der Beschäftigten. Es gibt viele Berufe, in denen sehr früh, sehr spät oder in der Nacht gearbeitet wird – zum Beispiel im Hotel- und Gaststättengewerbe oder in Pflegeberufen. Das zeigt sich auch in unserer Freizeit: lange Öffnungszeiten von Kaufhäusern nehmen wir gern in Anspruch. Dort sind aber eben auch Beschäftigte mit Erziehungspflichten tätig. Deshalb sehe ich erweiterte Kinderbetreuungszeiten als definitiv notwendig an. Darüber hinaus steigen Frauen nach der Geburt ihres Kindes – trotz Unterstützungs- und Anreizsystemen wie Elterngeld – schneller wieder in den Beruf ein als früher.

Was kann das Bundesprogramm „KitaPlus“ aus Ihrer Sicht dazu beitragen, dem Bedarf zu entsprechen?

Das Bundesprogramm „KitaPlus“ bietet den geförderten Kitas, Horten und Tagespflegepersonen die Möglichkeit, ihre Öffnungszeiten zu erweitern – je nach Bedarf der Eltern vor Ort. Zusätzlich werden Netzwerkstellen gefördert, die das Ziel haben, bedarfsgerechte Betreuungsangebote nachhaltig zu erfassen, damit neu geschaffene Angebote in den Kommunen verankert werden können. Die Netzwerkstellen sollen zu diesem Zweck Kooperationen mit Vereinen, Verbänden und Akteuren der Arbeitswelt vor Ort bilden und somit eine koordinierte Jugendhilfeplanung und bedarfsgerechte Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen.

KitaPlus bietet die Chance, den Bedarfen der Familien, Unternehmen und Arbeitnehmer entgegenzukommen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann gestärkt und nachhaltige Betreuungsstrukturen vor Ort etabliert werden.

Bei einem Vor-Ort-Besuch haben Sie Einblicke in das im Bundesprogramm „Kita-Plus“ geförderte Projekt „Coworking Toddler“ erhalten. Was zeichnet es aus Ihrer Sicht besonders aus?

Coworking Toddler ist sehr interessant, insbesondere für Unternehmenskooperationen. Es ist ein bundesweit einzigartiges Projekt, das Kinderbetreuung und Gemeinschaftsbüro – ein sogenannter Coworking Space – miteinander verbindet. Zum Konzept gehört, dass die Eltern im selben Gebäude arbeiten können, in dem ihre Kinder betreut werden. Ähnlich wie in einer „Betriebskita“. So können Eltern und Kinder zum Beispiel gemeinsam Mittag essen. Das Angebot nehmen vor allem Freiberuflerinnen und Freiberufler und Angestellte in Anspruch, die ortsunabhängig oder im Home-Office arbeiten können. Aber auch Studierende oder Eltern, die sich während der Elternzeit fortbilden.

Seit meinem Projektbesuch sind wir in engem Austausch mit dem Projekt. Es plant, eine Zweigstelle in Berlin zu eröffnen. Je nach Standort können wir Kooperationen mit Unternehmen vor Ort vermitteln und helfen, Kontakte aufzubauen.

Welche Chancen sehen Sie in der Kooperation zwischen dem Vorhaben und Unternehmen vor Ort?  

Denkbar ist beispielsweise, dass sich die Unternehmen am Projekt beteiligen. Im Gegenzug könnten dann Kontingente für die Beschäftigten des jeweiligen Unternehmens in der Einrichtung vorgehalten werden. Das hat für die Unternehmen viele Vorteile. Zum einen können sie mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werben und andererseits ihren Beschäftigten nach der Geburt ihres Kindes einen schnelleren (Wieder-)Einstieg in den Beruf ermöglichen. In Frage kommen dafür sowohl Unternehmen, die in der Nähe der Einrichtung liegen, aber unter Umständen auch Unternehmen, die in der Nähe des Wohnorts der Beschäftigten liegen.

Davon profitieren zunächst einmal die Kinder und Eltern. Diese Nähe von Betreuungs- und Arbeitsplatz spielt insbesondere in der Stillzeit oder der Eingewöhnungszeit eine große Rolle. Auch die pädagogischen Fachkräfte haben etwas davon, denn so können aktiv Erziehungspartnerschaften gelebt werden. Der Austausch mit den Eltern ist unmittelbar möglich. Eine verbesserte Work-Life Balance führt dazu, dass Eltern ermutigt werden, auch dann wieder in den Job einzusteigen, wenn die Kinder noch sehr klein sind.

Zukünftig werden solche Modelle noch wichtiger, denn die Entwicklung zeigt, dass es immer weniger „Nine to Five“-Arbeitsplätze gibt, immer häufiger ortsunabhängig gearbeitet wird und flexible Betreuungslösungen damit an Bedeutung gewinnen.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht familienfreundliche Personalpolitik in Unternehmen für die Fachkräftesicherung und das Gewinnen von Fachkräften?

Es gibt vier Bausteine, die zur Fachkräftesicherung beitragen. Aus- und Weiterbildung, die Nutzung des Potenzials älterer Beschäftigter, Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und eben auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Unternehmen unterbreiten bereits entsprechende Angebote – bis hin zu flexiblen Arbeitszeiten und mobilem Arbeiten. Für viele ist das jedoch so selbstverständlich, dass sie nicht offen damit werben. Familienfreundlichkeit und Vereinbarkeitsangebote entwickeln sich meines Erachtens aber immer mehr zum Standortfaktor. Um Fachkräfte an sich zu binden, sollten Unternehmen mit diesen Angeboten viel offensiver werben. Unternehmen, die auf die Beschäftigten mit Erziehungs- und zukünftig auch mit Pflegebetreuungspflichten keine Rücksicht nehmen, haben im Wettbewerb um die Fachkräfte von morgen schlechte Karten.

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